Lieschen, Lieschen, fang mich doch

Linda hat ihre Schwester, die in ihrer Kindheit beim Versteckspiel verschwand, nie vergessen. Als sie ausgerechnet am dreißigsten Jahrestag des Verschwindens die ominöse E-Mail eines britischen Autors erhält, beginnt sie sich den Dämonen der Vergangenheit zu stellen. Zurück im jahrzehntelang leerstehenden Elternhaus bemerken Linda und der Schriftsteller David, dass sie nicht allein sind. Gemeinsam versuchen sie herauszufinden, wer sich dort im Wald herumtreibt. Dabei stoßen sie auf eine grausame Tat, die im Zusammenhang mit Lindas Schwester steht. Linda muss erkennen: Ihre Vergangenheit war mehr Schein als Sein ...

 

 

Leseprobe: 
 

Deutschland, in der Eifel, 30. August 1992

 »Lieschen, Lieschen, fang mich doch, 50 Meter sind es noch. Lieschen, Lieschen, komm schnell her, Sonst siehst du mich nimmermehr.«

Lachend rannten die zwei Mädchen über den Hof. In ihren roten Radlerhosen, den weißen T-Shirts und den braunen Pferdeschwänzen glichen sie sich wie ein Ei dem anderen. Und doch war Lotte ein Jahr älter als die achtjährige Linda.

»Na komm schon, Linda, fang mich doch!« Lotte drehte sich zu ihrer Schwester um und streckte ihr die Zunge raus.

»Ich kann nicht so schnell, ich bin schon völlig außer Puste«, rief Linda. 

Lotte blieb stehen, als sie sah, dass Linda auf Höhe der Garagen stand, den Oberkörper leicht nach vorne geneigt und die Hände in die Hüften gestützt.

»Was ist? Hast du etwa schon wieder Seitenstechen?«

Linda nickte. 

»Du solltest mal wieder mit mir bei der Leichtathletik trainieren. Dann würdest du nicht so schnell schlapp machen.« Lotte kam mit einem spöttischen Grinsen näher. Als sie nur noch etwa einen Meter von ihrer Schwester entfernt war, sprang Linda vor und zog Lotte am Zopf.

»Lieschen, Lieschen hat dich jetzt, bist mit rotem Blut benetzt.«

»Du Biest!« Lotte quiekte erschrocken auf. Kurz darauf lachte sie los. »Das war verdammt schlau von dir!«

»Natürlich. Wie soll ich dich denn sonst fangen? Du bist einfach zu schnell für mich.«

»Ich sagte ja, mach wieder bei der Leichtathletik mit.«

Lindas Zopf flog hin und her, so heftig schüttelte sie den Kopf. »Nein, ich will nie wieder einen Weitsprung machen.« Sie hob ihr linkes Bein an und umklammerte ihr Fußgelenk. »Ich habe zu viel Angst, dass ich ihn mir wieder breche.«

Lotte zuckte mit den Schultern. Sie wollte es nicht zugeben, aber seit Lindas Unfall hatte sie auch Angst vor dem Weitsprung. Lindas Schmerzensschrei hallte vor jedem Sprung durch ihren Kopf.

»Schade, ich hatte die Hoffnung, dass wir wieder zusammen trainieren und eines Tages gemeinsam als die Bauer-Schwestern in die Leichtathletikgeschichte eingehen.«

»Ich denke, ich werde schwimmen. Das ist besser für die Füße. Doktor Schramm hat zwar gesagt, dass ich ruhig wieder springen darf, aber ich will es nicht.«

Eine schwarze Katze kam aus einer Garage gelaufen. Mit hoch erhobenem Schwanz strich sie um die nackten Beine der Mädchen.

»Hallo Sammy. Na, wo hast du dich wieder herumgetrieben?« Lotte kniete sich nieder und streichelte über das weiche Fell. Die Stellen hinter den Ohren waren die weichsten.

»Was hältst du davon, wenn wir verstecken spielen?«

»Eine tolle Idee! Ich fang an, mich zu verstecken. Du zählst und ich lasse mich von Sammy in ein Versteck führen.« Lotte sprang auf, ignorierte gekonnt Lindas Augenrollen und scheuchte den Kater auf, der sich gerade auf den Boden gelegt hatte.

»Aber nicht in die hinteren Kellerräume, du weißt, Mami und Papi wollen das nicht.«

»Ach, pah! Wenn wir immer auf Mami und Papi hören, werden wir nie etwas riskieren. Und sollten sie fragen, sagen wir einfach nein. Und jetzt los! Augen zu und zählen.« Lotte wartete, bis Linda ihre Augen schloss, drehte sie ein paar Mal im Kreis, damit sie die Orientierung verlor und sprang dann singend davon.

»Lieschen, Lieschen fang mich doch, 50 Meter sind es noch. Lieschen, Lieschen komm schnell her, sonst siehst du mich nimmermehr.«

»Das Lied ist doch nur fürs Fangen, du Doofi«, rief Linda ihrer Schwester hinterher. Dann zählte sie bis hundert.

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