Seelengräber

Auf einer einsamen Insel vor der Nordseeküste lebt ein Vogelwart mit einem finsteren Geheimnis. Als eine Leiche an den Strand treibt, wird er Stück für Stück mit seinem früheren Leben konfrontiert. Eine weit in die Vergangenheit zurückreichende Kette psychotischer und traumatischer Ereignisse, die seine Seele von jeglichem menschlichen Verhalten abgeschnitten haben, führt durch Schmerz, Hass und Tod bis hin zum blutig-morbiden Höhepunkt …

 

 

Leseprobe: 

 Auf Trischen, April 2018              

Die Sonne stand bereits seit einigen Stunden am Himmel, als ich die Unruhe der Möwen auf der nördlichen Westseite der kleinen Insel Trischen bemerkte. Schon am Morgen hatte mich ein ähnliches Gefühl wie bei meiner Verhaftung vor vier Jahren beschlichen. Grummeln im Bauch und   leichte Kopfschmerzen.

Die Möwen flatterten auf und ab, kreischten. Der Wind trug ihr Gezeter an mich heran.

Ich nahm mein Fernrohr und trat hinaus auf den Umlauf meiner vor Flut geschützten, auf Holzpfosten stehenden Hütte. Durch das Spektiv konnte ich jedoch den Grund des Aufruhrs nicht erkennen.

Seufzend zog ich mir die quietschgelben, in Kontrast zum trüben Wetter stehenden Gummistiefel an, nahm meine Ausrüstung und wanderte über die Insel. Je näher ich der Vogelschar kam, desto mehr verstärkte sich das Gefühl. Ich war mittler-weile sicher, dass ich auf etwas Unangenehmes, nicht Alltägliches stoßen würde. Ein paar Möwen flogen aus ihren Nestern. Ich war ihnen unbedacht zu nahe gekommen.

Ich lief auf die letzte hohe Düne und blieb stehen. Wie gebannt starrte ich auf die fleischige Masse, die am Fuße der Düne lag. Am Hinterkopf klebte Blut. Die Wunde war durch die Glatze gut zu erkennen.

Muss ein heftiger Schlag gewesen sein. Der dicke Leib war nackt – splitterfasernackt.

Ich war froh, dass die Leiche – ich ging bei der Kopfwunde einfach davon aus, dass der Mensch tot sei – auf dem Bauch lag und ich nur auf den weißen Hintern blickte. Dieses Bild hatte ich schon einmal gesehen.

Ich weiß nicht, wie lange ich auf der Stelle gestanden und gestarrt hatte, bis mir der Gedanke kam, dass dieser Mensch vielleicht doch noch am Leben sein könne. Ich ekel mich vor nackten Körpern, aber ich musste ihn umdrehen. Schnell ließ ich meine Augen über den Strand und die Dünen gleiten, in der Hoffnung, einen Stock zu finden. Natürlich war keiner da. Es wird zwar ständig Unrat an den Strand gespült, aber nichts, was mir als Hilfsmittel hätte dienen können. Ich überlegte, ob ich eine Schaufel holen solle. Zurück zur Hütte und wieder hierher wären es maximal vierzig Minuten. Aber konnte ich es wirklich verantworten, wenn der Mensch genau jetzt starb? Würde ich das tatsächlich erneut zulassen können?

Ich musste mich also zusammenreißen. Tief ein- und ausatmen. Einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig …

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