»Was bedeutet Weihnachten für dich?« Diese Frage stellt sich Alina, nachdem ihre Familie ums Leben gekommen ist. Voller Trauer und Hoffnungslosigkeit bekommt sie unverhofft Besuch von einem kleinen Wesen, das ihr nicht nur bei der Beantwortung dieser Frage zur Seite steht, sondern ihr neuen Mut schenkt, aus ihrer Trauer auszubrechen und die Welt zu bereisen. Auf dieser Reise findet sie nicht nur Antworten, sondern auch etwas, das ihr Herz wieder zum Leuchten bringt und Weihnachten in neuem Glanz erstrahlen lässt. Eine Geschichte, die jenseits gängiger Klischeevorstellungen auf den Pfaden ursprünglicher Weihnachtsvorstellungen wandelt.
Inklusive einer schönen Kurzgeschichte als Bonus
Leseprobe:
Der Staub wirbelte umher, als Alina den alten Karton schwungvoll auf den Esstisch in der Küche stellte. Viel zu lange hatte er auf dem Dachboden gestanden. Mit einer Handbewegung versuchte sie, den Staub abzuwehren.
»Hatschi! Oh Gott, Mama, warum hast du denn auf dem Dachboden nie Staub gewischt? Das war doch immer deine Leidenschaft.« Während sie ihre Haare zu einem Pferdeschwanz band, sah sie auf die Bilder, die an der Wand über der Essecke hingen. Alinas Lieblingsbild von ihrer Mutter befand sich genau auf Augenhöhe. Sie hatte gerade über die Tollpatschigkeit ihres Enkelkindes Kilian gelacht und dabei gestrahlt, als wäre sie rundum glücklich und als könne ihr nichts etwas anhaben. Und genauso hatte sie immer gelebt. Katharina Kuhn war ein Kind der Sonne. Nichts hatte sie je aus der Ruhe gebracht. Sie war für alle da gewesen, egal ob für ihre Kinder, ihren Mann, Freunde oder Fremde.
Alina blinzelte und schluchzte. Sie fehlte ihr so sehr. Aber sie wollte für ihre Mutter so weiterleben, wie sie es immer getan hatte, wenn jemand gestorben war.
»Ich trauere um meinen Vater, das ist klar, Alina. Aber das heißt nicht, dass ich nur weinen muss. Ich habe ihn geliebt und werde ihn auch vermissen, aber ich nutze meine Kraft lieber für die Lebenden als für die Toten, die nichts mehr davon haben«, hatte Katharina vor einigen Jahren zu ihrer Tochter gesagt, als diese Nächte und Tage damit verbrachte, um ihren geliebten Opa zu weinen.
Alina öffnete den Karton, auf dem groß »Fotoalben« stand. Sie zog willkürlich eines der großen Bücher, die heutzutage nur noch wenige Menschen pflegten, heraus. Auf der ersten Seite stand: 1990 Sommerurlaub, Feste und Weihnachten.
In den letzten Tagen geschah es häufiger, dass Alinas Kopf einfach nur leer war. So wie jetzt. Ohne Gefühle, ohne Gedanken strich sie über die saubere Schrift ihrer Mutter.
Bevor sie sich an den Tisch setzte, nahm sie sich die Tasse mit heißem Pfefferminztee und hielt sich krampfhaft daran fest. War es wirklich eine gute Idee, sich die Bilder von früher anzuschauen? Ihre Wunden waren doch noch zu frisch.
»Komm schon, sei kein Feigling«, sagte sie zu sich selbst. Den Sommerurlaub 1990 hatten sie im Ostseebad Boltenhagen verbracht. Alina, ihre ältere Schwester Miriam und der große Bruder Robert tollten den ganzen Tag im Wasser herum oder ließen mit ihrem Vater Norbert Drachen steigen. Ihre Mutter konnte die Seele baumeln lassen. Norbert sagte in jedem Urlaub: »Mama hat jetzt auch mal Ferien.« Und alle hielten sich daran. Mama wurde in Ruhe gelassen und Papa so sehr gefordert, dass er froh war, wenn die Ferien vorbei waren.
Nach den Urlaubsbildern folgten haufenweise Fotos von Schulfesten und Geburtstagsfeiern. Bilder voller Leben. Bilder, die zeigten, wie fröhlich die Familie einst gewesen war.
Nun war das alles vorbei.
© Jessica Pietschmann. Alle Rechte vorbehalten. Datenschutz Impressum
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